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Braucharchiv Lötschental

Die Allerseelenspende von Kippel

Die Allerseelenspende von Kippel findet jeweils am 2. November, dem Tag Allerseelen, statt. Dabei wird am Morgen nach dem Kirchgang und dem Friedhofsbesuch an alle Anwesenden ein Stück Brot und Käse verteilt.

Am 1. und 2. November –  Allerheiligen und Allerseelen – wird in katholischen Regionen in besonderer Weise der Toten gedacht. Zum Totengedenken gehören unter anderem der Gräberbesuch, das Schmücken der Gräber und das Anzünden von Kerzen.

 

Grabschmuck an Allerseelen: Kindergrab in Blatten, anfangs November 2010 (Foto R. Kalbermatten)
Kerzenlichter zum Gedenken an die Verstorbenen: Der nächtliche Friedhof von Kippel anfangs November 2010. (Foto R. Kalbermatten)

Der Sinn der Spende

Spenden sind Almosen, also Gaben, die in der Regel auf ein Gelübde zurückgehen, manchmal auch auf ein Vermächtnis oder eine Stiftung. Grundsätzlich verbirgt sich dahinter die Idee der Opfergabe und des damit verbundenen göttlichen Schutzes vor Unheil. Doch erfolgte eine Spende oft auch aus einer Verpflichtung gegenüber den Toten heraus: Indem den irdischen Armen etwas gespendet wird, sollen die armen Seelen im Fegfeuer erlöst werden. So erfolgten denn Spenden auch oft anlässlich von Beerdigungen, relikthaft vorhanden sind sie noch im Totenmahl.

Mehr in: Arnold Niederer (Hg.): Die Osterspend von Ferden und andere Spendbräuche im Wallis, Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Lötschentaler Museum, Kippel 1992.

Allerseelenspende in Blatten

Offenbar gab es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Blatten eine Allerseelenspend. Eingeführt wurde diese eventuell erst bei der Pfarreigründung. Jedenfalls schreibt die Volkskundlerin Hedwig Anneler 1922 in ihrem Beitrag „Urzeitliches aus dem Lötschental“:

„Zu Allerseelen wurde, bis zur Brotkartenzeit [gemeint ist wohl die Lebensmittelrationierung des 1. Weltkriegs], für alle Toten der Gemeinde ein Speiseopfer dargebracht. ‚Guttäter’ spendeten Käse dafür; aus dem Korn der Gemeinden buk der ‚Armenseelenvogt’ Brote. Nach dem Totenamt verteilte er an alle, die aus der Kirchentüre traten, ein Stück Brot und ein Stück Käse, das Armenseelenspeislein.“

Austeilen der Armenseelenspend vor der Kirche in Blatten, um 1915. (Foto K. Anneler)

Ursprünge 

Die Armenseelenspend von Kippel geht auf das Jahr 1453 zurück. Laut Urkunde stifteten damals mehrere „ehrsame Männer und Personen“ ein Jahrzeit „zum Heil aller gläubigen Seelen“. Die Einkünfte des Jahrzeits dienten einerseits der Verköstigung der Priester, die die Jahrzeitmessen lasen, und gingen anderseits – zum Teil in Naturalien – an die Mitglieder des Jahrzeits. Ursprünglich handelte es sich also bei dieser Spende um eine Jahrzeitstiftung mit eigenem Kapital. Was jeweils übrig blieb, war „auf dem Friedhof des hl. Martin oder an einem andern würdigen Ort zu Kipil“ an die Armen zu verteilen.

Für die Zeit um 1870 macht Prior Johann Baptist Gibsten folgenden Eintrag in sein pfarreiliches Notizbuch:

„1. November, Fest Allerheiligen; an diesem Tage mag ausgekündigt werden, dass der Spendvogt von Allerseelen sich um die gewöhnliche Gabe empfehle.

2. November, Fest Allerseelen, der grösste Zusammenlauf des Volkes zur Kirche, um die Spend nämlich von etwas Brot und Käse abzuholen, Gräberbesuch zu machen und dem Gottesdienst und der Predigt beizuwohnen. Nachmittag finden unter Schmaus und Trank die gewöhnlichen Rechnungen der Kirchen und Kapellen von Kühmatt statt, wie auch der Seelenspend, desgleichen die Ausstellungen und Verstossungen der Kapitalien. Damit dies alles aber in Ordnung gehe, muss dies alles vorher in Richtigkeit gebracht werden, weil sonst leicht Verwirrung eintreten kann.“

Und an anderer Stelle notiert Prior Gibsten zum gleichen Brauch:

„2. November, Totum officium defunctorum [Messe für alle Verstorbenen]. Weil nun an diesem Tag das Volk zusammenströmt, teils um das gewöhnliche Opfer für das Officium dem Prior zu entrichten, teils um an diesem Tage eine Spend zu empfangen vom Seelenvogt, welche in einem Stücklein Käs und Brot besteht. Das Brot erhält der Seelenvogt aus den Spendäckern, der Käse wird von Wohltätern geschenkt. Daher soll der Prior oder ein anderer Priester die Wohltäter zur Gabe auffordern mit den Worten „der Seelenvogt empfiehlt sich für die gewöhnliche Gabe“.

Die Notizen von Prior Gibsten machen deutlich, dass zu jener Zeit die Spende in Form von Brot und Käse nicht mehr an die Armen ausgeteilt wurde, sondern ganz allgemein an die Kirchgänger. Überlebt hat denn auch nur die Verteilung von Bot und Käse. Das Jahrzeit wurde wohl schon im 18. Jahrhundert aufgelöst und das mit ihm verbundene Vermögen ging vermutlich an die Pfarrei.

Brauchablauf 

Der Allerseelentag beginnt morgens um 6 Uhr im Gemeindehaus mit der Zubereitung der Brot- und Käsespenden. Diese werden von den zwei Gemeindearbeitern und zwei Gehilfen in Portionen geschnitten und in Tragkörbe gelegt.

Um 7 Uhr findet in der Pfarrkirche der Gottesdienst für die Verstorbenen statt. Nach der Messe folgt der Gräberbesuch. Gleichzeitig werden auf dem Friedhof beim grossen Kreuz gemeinsam die „Fünf Wunden“ gebetet und vom Geistlichen die Gräber gesegnet. Nach der Allerseelenfeier machen sich die Leute durch die enge Dorfpassage „Zwischän Wenn“ auf den Heimweg und nehmen auf dem „Grossen Platz“ ihre Spende entgegen.

 

Vor der Spend: Fünfwundengebet für die Verstorbenen auf dem Friedhof. (Aufnahme Beatrice Imseng 2011)

Spendkäse
Roggenbrot für die Spende

Seelenvogt Marcel Jaggi beim Verteilen der Spend 2011
Empfängerinnen der Spend 2011 auf dem Grossen Platz in Kippel (Fotos Beatrice Imeng)

Wandel 

Verantwortlich für die Durchführung der Seelenspende war früher der Seelenvogt. Dieser besorgte zusammen mit seinem Amtsvorgänger den Einzug der Schuldzinsen der Seelenspende sowie das Backen des von der Gemeinde gespendeten Roggenbrotes und nahm die von wohlhabenden Familien gespendeten Käse entgegen. Auch war er für das Schneiden und Austeilen von Spendbrot und -käse zuständig. Seit 1956 sorgt die Gemeinde mit ihren Angestellten für den ordentlichen Ablauf der Seelenspende. Doch noch immer beteiligen sich Private mit Käse- und Geldspenden am Brauch. So wurden im Jahr 2010 drei von vier Käsen von „Wohltätern“ gespendet. Das Roggenbrot dagegen wird bei der lokalen Bäckerei bezogen und von der Gemeinde bezahlt.

Die von Prior Gibsten um 1870 beschriebene Rechnung mit „Schmaus und Trank“ am Nachmittag von Allerseelen fand letztmals 1967 statt. Dieser „Seelentruich“ vereinigte jeweils die geistlichen und weltlichen Würdenträger sowie die Amtsträger zur Entgegennahme der Jahresrechnungen von Kirche, Kapellen und Seelenspende. Für die einzelnen Chargen waren insgesamt neun Vögte zuständig: der alte und der neue Seelenvogt, die drei Kirchenvögte, der alte und der neue Pfrundvogt sowie der alte und der neue Kaplaneivogt. Die Vögte verpflichteten sich – neben ihren Funktionen – zur Abgabe einer Spende, welche sie während des Gottesdienstes nach der Kommunion in einen Korb legten. Auch besorgten sie das Vorbereiten und Austeilen der „Seeluschpiis“.

Die Allerseelenspende ist heute zu einem eher stillen und diskreten Brauch geworden, der vom Engagement einzelner Personen lebt. Viel von seiner Kraft eingebüsst hat er vor allem nach der Lostrennung der Pfarreien Wiler und Ferden in den 1950er Jahren. Immerhin wurden 1979 noch 360 Portionen Brot und Käse zubereitet. 2010 waren es noch deren 160. Und der letzte vom Gemeinderat ernannte Seelenvogt, Marcel Jaggi aus Kippel, übt sein Amt nun schon seit mehr als 20 Jahren aus, ohne dass sich ein Nachfolger finden würde.

Mehr in: Marcus Seeberger: „Die Seelenspende in Kippel“, in Die Osterspend von Ferden und andere Spendbräuche im Wallis, Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Lötschentaler Museum, Kippel 1992.

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