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Braucharchiv Lötschental

Alpsegnungen

Vom Glauben geprägtes Alpbrauchtum

Das traditionelle Brauchwesen der Lötschentaler Alpwirtschaft war weit entfernt von der Sennentradition des schweizerischen Hirtenlandes (Appenzell, Greyerzerland usw.). Im Zentrum der Lötschentaler Alpästhetik standen nicht Sennen in regionaltypischen Trachten und Kühe mit reich dekorierten Schellenriemen, sondern – mit der Segnung von Mensch, Vieh und Alp – Kirche und Glaube. Diese Präsenz des Religiösen blieb während der gesamten Alpzeit sichtbar in Form von materiellen Zeichen des Glaubens wie Alpkapellen, Bittstöcklein, Weg- und Alpkreuzen, Dekorationen auf Geräten usw. Die religiöse Einbettung des Alplebens war in der katholischen Gesellschaft des Wallis umso wichtiger, als es sich bei der Alp um einen prekären Bereich in doppeltem Sinn handelt: Als oberste Nutzungszone stand die Alpweide am Übergang zum gefürchteten Naturraum. Und indem die Alp ein Teilbetrieb war, stellte der Alpsommer eine Phase der Trennung dar, während der eine bestimmte Gruppe – im Lötschental in der Regel Frauen und Kinder – der dörflichen Kontrolle und dem heimischen Schutz entzogen war.

 

Zum Schutz von Mensch, Vieh und Alp

Die Alpsegnung erfolgte jeweils zu Beginn des Alpsommers in Anwesenheit der Alpleute. Zur Segnung brachten die Älplerinnen Brot, Salz und Wasser mit, welches sie am Fuss des Alpkreuzes und beim Bittstock niederlegten. Der Priester segnete die Gaben sowie Mensch, Vieh und Alp und wurde dafür mit Butter belohnt. Der entsprechende Butterballen wurde von der Älplerin des Alpvogts vorbereitet, und zwar aus den kleinen Ballen, die die einzelnen Familien je nach Anzahl Kühen spendeten. Anlässlich der Alpsegnungen verteilte der Priester auch die beliebten Andachtsbildchen (Heiligenbildchen) zum Einlegen in die Mess- und Gebetbücher.

 

Brot, Salz und Wasser, die zu Beginn des Alpsommers gesegnet werden, Hockenalp, um 1900.
Alpsegnung auf Tellialp um 1920. Auf dem Boden stehen die Gefässe mit dem zu segnenden Wasser bereit.

Ablasskreuz der Faldumalp. Auf jeder Alp des Lötschentals gab es ein sogenanntes Ablasskreuz. Dieses wurde jeweils von der Sennerin des Alpvogts aufbewahrt. Ihr oblag auch die Aufgabe, jeden Abend nach der Rückkehr des Viehs zum Stafel beim gemeinsamen Gebet (Ablass) als Vorbeterin zu walten. Das Ablassgebet bestand aus 22 Vaterunser, dem Glaubensbekenntnis und dem Englischen Gruss.
Ablasskreuz der Restialp. Allabendlich versammelten sich die Älplerinnen zusammen mit den Kindern beim grossen Holzkreuz oder beim Bittstöcklein (Chaplti) der Alp, um gemeinsam den Rosenkranz und das Nachtgebet zu sprechen. Der Lötschentaler Domherr Josef Werlen (1872-1940) erinnert sich wie folgt an seine Kindheit auf der Hockenalp: „Der Sammelruf der Alpenvögtin von Hocken tönt noch heute in meinem Ohr. Ein Kreuz in der Hand, trat sie auf einen Felsenvorsprung mitten am Stafel und rief mit heller Stimme in die Dämmerung hinaus: ‚Chemet chun gan bättu!’"

Wandel und Konstanz

 

Die Alpsegnungen finden auch heute noch jeweils Ende Juni - Anfangs Juli auf allen Alpen des Lötschentals statt, mit Ausnahme der Guggialp. Obwohl nur noch wenig Vieh aufgetrieben wird, wünschen etliche Leute – insbesondere Besitzer von Alphütten – weiterhin diese Art der geistigen Unterschutzstellung. Dabei findet an einem Wochentag beim Alpkreuz oder in der Alpkapelle eine Messe, Andacht oder Segensfeier statt, bei der der Priester einen speziellen Viehsegen sowie einen Wettersegen erteilt. Letzterer wird jeweils zwischen St. Markus (25. April) und dem Fest Kreuzerhöhung (14. September) gespendet. Auch heute noch bringen die Leute Brot, Salz und Wasser zum Segnen mit. Allerdings kommt in heutiger Zeit den Kapellenfesten (Chaplufäscht) während des Sommers die weit grössere Bedeutung zu als den Alpsegnungen.

In feierlicher Prozession werden zu Beginn des Alpsommers die während des Winters weggestellten Heiligenfiguren zum Chaplti gebracht und eingesetzt: Hockenalp um 1950.

Begehrter Lohn

 

Die Entlöhnung der Geistlichkeit mit Butter scheint in früherer Zeit von etwelcher Bedeutung gewesen zu sein. Jedenfalls schreibt Johann Baptist Gibsten, Prior von Kippel, um 1870 in seiner Chronik: „Für Segnung der Alpen von Faldum, Restin, Kume, Hocken, Lauchern, Werezen wird Butter gegeben, das Gewicht belief sich bis auf 190 Pfund. Im Jahre 1865 fing die Werezenalpen an den Butter zu zertheilen: ein Theil dem Prior u. ein Theil dem Rektor Bruner sagend, es seÿ ein Geschenk, u. nun belief sich im letzten Jahre 1867 das Gewicht des Butters auf die 90 Pfunde. Was nun an der Sache ist, weiss ich nicht. Nur sagte mir der Hochw. Herr Loretan Kaplan von St. German, der viele Jahre hier unter dem Prior Hasler u. Lehner als Rektor sich befand, so lange er hier gewesen seÿ, so wurde der Butter dem Herrn Prior gegeben.“

 

Begehrte Bildchen

Und weiter liest man in der Chronik von Prior Gibsten: „Beÿ der Alpensegnung muss der Prior jedem Kind u. jeder Mutter ein Bildchen geben, auch wenn Kinder oder Mütter nicht zugegen sind, so wird für diese Abwesende gefordert. Dem Ueberbringer des Alpenbutter wird zu essen u. zu trinken gegeben u. ein Saktuch oder etwas anders für die Mühe ertheilt. Diese eingeführte Gewohnheiten zeigen also an: Do ut des, so dass es also doch scheint, der Alpenbutter wäre unter die Jura stola zu rechnen. Noch zu bemerken ist, dass der Rahm immer am ersten Sonntag nach der Alpfahrt dem Alpenvogt überbracht wird u. dies zwar in allen Alpen, damit er ihn zu Butter u. zur grossen Balle formiere, also ähnlich den sogenannten Späntkäsen. Dagegen sagt man freilich auch, als man gegen Hockenalpen ein Bildhäuschen machte oder reparierte, im selben Jahre habe man den Butter von der Hockenalpen oder vielmehr dessen Werth ans Bildhäuschen verwendet, so desgleichen sagte mir Ferdinand Murman, ein 80 jähriger Mann, er habe gehört, dass man früher den Butter von der Hockenalpe ein Jahr dem Prior gegeben, ein Jahr dem Rektor u. hats getroffen, dass der Kirchenvogt auch in Hocken war, der Kirche.“

Verteilen von Heiligenbildchen anlässlich von Alpsegnungen auf den drei Ferdner Alpen Faldum...
Resti...
und Kummen, um 1900.

Verteilen von Heiligenbildchen durch Prior Johann Siegen 1936 auf Hockenalp.
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