Wandel
Das Rezept dürfte in früherer Zeit etwas einfacher gewesen sein. Von der Wertschätzung besonderer Gewürze schreibt Hedwig Anneler in ihrem 1917 erschienenen Buch „Lötschen“: „Die köstlichsten Gewürze sind der Zimmet, der Safran und die Gewürznelken. Wenn die Mutter die hervornimmt, dann kommen die Kinder mit glänzenden Augen und schluckend, ganz, ganz nahe. Jetzt gibt es sicher etwas Gutes, ja, was Gutes, etwas Herrliches. Aber es muss ein Festtag sein, sonst lässt die Mutter die Herrlichkeiten ruhig im Versteck. […] Safran, den feinen Safran von Mund, spart sie besonders für die ‚Chiächli’. Ganz goldgelb werden die davon, diese Kuchen, die nur aus Mehl und Milch gewirkt sind.“ Safran wurde laut Anneler an besonderen Tagen auch etwa dem Tee und Zimt dem Kaffee beigegeben. Die Gewürznelken ihrerseits brauchte man etwa für den Reisbrei.
Anlässe
Gebacken wurden die Chiächlini früher für festliche Anlässe wie Fastnacht, Kirchenfeste (zum Beispiel Kirchweih) oder Hochzeiten. Heute werden sie namentlich zur Fastnacht und Kirchweih gebacken. Auf den Tisch kommen sie aber auch bei Taufen, Erstkommunionsfeiern, Geburtstagen sowie beim Apero von Hochzeiten.
Marcus Seeberger erinnert in seinem Buch „Menschen und Masken im Lötschental“ an den früheren Brauch, die Kaminkontrolleure mit Chiächlini zu beschenken: „Nicht weniger üppig ging es am alten Fasnacht (1. Fastensonntag) zu, wenn die Chemiguggär, der alte und der neue Gewaltshaber, denen unter andern auch die Kaminkontrolle oblag, mit der Frage Heid’r grruässud? in die Stube traten, sich für ihre ehrenamtlich durchgeführten Inspektionsarbeiten bewirten liessen und mit zwei Küchlein in der mitgeführten Zwehle sich wieder verabschiedeten. An diesem Tag wurden Kästen voll Chiächlini für die Fastenzeit gebacken als kleiner Ersatz für das Fleisch, auf das während dieser Zeit gänzlich verzichtet wurde.“
Ein undatiertes Manuskript von Prior Johann Siegen bestätigt den ersten Fastensonntag als wichtigen Tag des Chiächlinuns: "Noch immer backen unsere Hausfrauen am ersten Fastensonntag 'Fastnachtschiächlini', ganze Körbe voll. Die Schulkinder bringen solche am folgenden Tag der Lehrerschaft. Solange die Chemigugger in allen Häusern nachschauen mussten, ob die Kamine gefegt seien, bekamen auch diese als Belohnung Chiächlini und einen Schnaps. Die Knaben, die am Vorabend vom ersten Fastensonntag den Hausfrauen am Strand der Lonza die 'Helinen' (Henkelketten) blank putzten (schuirun), erhielten auch ein Fastnachtsküchlein, ebenso die Gesellen, die beim 'Abspinnen' der letzten Wolle an der Kunkel diese in der Hand hielten, hatten ein Chiächli als Lohn zu erwarten. Alle lieben Gäste dürfen sich heute noch in der Fastenzeit auf ein solches freuen."
Über den Brauch des "Abspinnens" anlässlich der Fastnacht der ledigen Frauen weiss auch der Lokalhistoriker Ignaz Bellwald aus Kippel zu berichten:
„Ds Schpinn im Grossn Doorf hed abr oich fr d ledigu Gselln än gwissn Reyz ghabäd. Wenn d jungu Techträ zn Fasnachtn im Grossn Doorf sind gsiin, sind gwendlich oich än paar jung Burschtn da gsiin und heynd de uifgipassud, wenn ds Wärg äm Schpinnrock schiinr Holdu z Änd gang ischt, um bibm Abschpinn vam leschtn Räscht bhilflich z siin. Drfiir hed de dr Gsell än Aaltän Fasnachtn van ira äs Chiächlin brchoo, appa schoo dr Liäbschtu.“
„Das Spinnen im Grossen Dorf hat aber auch für die Jünglinge einen Reiz gehabt. Wenn die jungen Töchter den Grossen Dorf veranstalteten, waren gewöhnlich auch einige junge Burschen anwesend, die sorgfältig acht gaben, wenn das Werg am Spinnrocken einer Holden zu Ende ging, um ihr beim Abspinnen des letzten Restes behilflich zu sein. Dafür erhielt der Jüngling an der Alten Fastnacht ein Küchlein. Dass es in der Regel ihr Geliebter war, ist begreiflich.“
Alpvergnügen
Offenbar wurden Chiächlini gelegentlich auch im Sommer auf der Alp gebacken, und zwar am Sonntagnachmittag anlässlich des Besuchs der Burschen bei den Älplerinnen. So liest man im 1925 erschienenen Roman "Der Glücksbogen" von Hedwig Anneler folgendes über die sonntäglichen Tanzvergnügungen auf der Alp:
"Auf dem Herdstein standen zwei Türme goldgelber Küechlein; über einem glänzenden Feuer wallte in einem Kessel duftende Butter. Mädchen liefen hin und her, glätteten Teigstücke auf den Knien oder stachen mit langen Gabeln duftende Küechlein aus dem Kessel. Auch die Cäcilia huschte herum und schenkte dem Fridolin einen süssen Blick, bevor sie in das Stübchen hineinschlüpfte. - 'Bist du's?' fragte die Kolta freundlich. 'Weil du's bist, musst grad hier ein Küechlein essen...nicht das! Nein! und das kleine auch nicht! Dies hier ist schön knusperig und gross!' - Es machte dem Fridolin Freude. In was für köstlicher Alpenbutter das gebacken war. [...] Das Feuer knallte, die Butter duftete, aufzischend, wenn die Kolta ein Teigstück hineingleiten liess. [...]
In den Tanzpausen, wenn die Mädchen die goldgelben Berge hereintrugen und Krüge voll Nidle, und alle schmausten und schmatzten und wohllebten, nahm er nach langem Nötigen ein einziges Küechlein, brach nur eine kleine Ecke davon ab und legte den grossen Rest neben sich nieder." |