Äusseres
Bei den Pferdchen handelt es sich nicht um eigentliche Steckenpferde. Vielmehr tragen die Könige ein in der Regel aus Holz bestehendes rundes Gestell (Ggruppa), welches unter einem aufwändig gestalteten textilen Schmuck versteckt ist. Der Pferdekopf ist geschnitzt und bemalt, die Kleider und Überhänge bestehen aus kostbaren Stoffen und sind – wie die glitzernde Metallkrone – mit Bändern, Pailletten und Perlen bestückt. Am Gestell sind kleine Glöcklein angebracht, die beim Bewegen der Figur entsprechend klingeln. Der „Umgang“, das heisst der Überzug, welcher den unteren Teil der Ggruppa bedeckt, sowie die Pelerine des Reiters und die Pferdedecke bestehen aus gleichfarbigem, feinem Stoff. Und auf der Brust des Königs prangt ein mit bunten Steinen besetztes Kreuz. Die Gewänder werden von weiblichen Angehörigen der Träger hergestellt und unterhalten.
Brauchablauf
Eine recht detaillierte Beschreibung des Brauchablaufs für die Zeit um 1950 vermittelt Johann Siegen, 1914 bis 1974 Prior von Kippel: „Am Vorabend von Dreikönigen, gegen neun Uhr, geben helle Rossschellen das Zeichen zum Anfang. Am Dorfplatz von Kippel versammeln sich die Drei Könige mit ihren Begleitern. Zuerst geht der Zug vor das Pfarrhaus: voran der helle Stern auf hoher Stange, dann die Drei Könige mit ihren Begleitern und hinter diesen die Sänger und Sängerinnen, die alten, dem Lötschental eigenen Dreikönigslieder singend. Weiter geht es zur Wohnung des Kaplans, des Kastlans (Richters), des Präsidenten und der übrigen Gemeindevorsteher. Die Könige dürfen mit ihren Dienern auch in den Häusern einen Besuch machen und eine Runde reiten: auf Steckenpferden, deren schön geschnitzte Köpfe Mähnen aus brauner, weisser und schwarzer Schafwolle besitzen. Die Könige tragen ein weisses Kleid mit bunten Seidenbändern und funkelnden Perlenschnüren, weisse wallende Mäntel und vergoldete Papierkronen; einer von ihnen, der Nubier, und sein Begleiter sind schwarz. Jeder der Könige hat nämlich einen Diener, der auch bunt gekleidet ist und ‚Goiglär’ heisst, was soviel bedeutet als Hofnarr. Früher haben die Dreikönigsaufzüge, die in allen drei Dörfern der Pfarrei auftreten [Wiler, Kippel und Ferden], auch den Nachbardörfern gegenseitig Besuche abgestattet. Die Reise dauerte dann bis tief in die Nacht hinein. Heute ist der Umzug in wenigen Stunden beendet. Könige sind Jungmänner, die gerade die Rekrutenschule hinter sich haben. Alle Familien halten darauf, einen ihrer Jungen als König kleiden zu dürfen.“
Wandel
Prior Siegens Beschreibung macht auf Veränderungen aufmerksam, die das Dreikönigsbrauchtum im Lötschental im Lauf des 20. Jahrhunderts erfahren hat. Zeichen des Wandels werden auch in der Darstellung des Volkskundlers Marcus Seeberger für die Zeit um 1980 sichtbar: „Die ledigen Burschen und Mädchen, denen ein an einer hohen Stange leuchtender Stern vorangetragen wird, eröffnen den Einzug ins Dorf; sie sammeln sich vor den Häusern der geistlichen und weltlichen Behörden um den Stern und lassen neben einem uralten und vielfach zersungenen Dreikönigs-Lied ein noch älteres Neujahrs-Lied erschallen, denen meist noch je ein Marien- und ein Herz-Jesu-Lied folgen. Während dieser Zeit treten die Könige und ihre Begleiter in die Stuben der Obrigkeit. Die Könige, auf dem Haupt eine perlenbesetzte Krone und zum Zeichen ihrer königlichen Würde ein Schwert in der Rechten, werden nach dem buntverzierten Holzpferd, das sie reiten, ‚Chinigrosslini’ genannt. Mit mächtigen Sprüngen und wildem Ritt stellen sie sich vor, indes der ‚Gaukler’ seinem Namen gerecht zu werden versucht. Nach reichlicher Bewirtung erhalten sie noch einen Zehrpfennig mit auf den Weg. Mit diesem Geld berappt man die Auslagen für das ‚Totunamd’. So heisst die Unterhaltung mit Tanz, zu der sich alle am Dreikönigs-Umzug beteiligten Mädchen und Burschen am Nachmittag des Dreikönigs-Festes oder des folgenden Sonntags zusammenfinden. Dieser Name erinnert wohl an ein Totenoffizium, an eine kirchliche Feier früherer Jahrhunderte.“
Ursprünge
Bei den heiligen Drei Königen handelt es sich um einen christlichen Brauch, der sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Dabei hat er sich im Laufe der Jahrhunderte gegenüber dem Gedächtnis an die Taufe Jesu und die Hochzeit von Kanaan durchgesetzt, die von der Westkirche ursprünglich beide ebenfalls am 6. Januar gefeiert wurden. Im Verlaufe der Jahrhunderte hat der Brauch dann – je nach Ort und Zeit – die verschiedensten Ausgestaltungen erfahren, etwa in Form von liturgischen Spielen, also szenischen Darstellungen während des Gottesdienstes in der Kirche, wie sie im Spätmittelalter üblich wurden. Nachgewiesen ist diesbezüglich etwa ein Dreikönigsspiel, welches bereits im 13. Jahrhundert in der Valeriakirche in Sitten aufgeführt wurde. Dabei wurden die Drei Weisen von Priestern dargestellt, die von einem Chorknaben als Kerzen- bzw. Sternträger begleitet waren. Die drei Priester übergaben, nachdem sie das Evangelium gesungen hatten, die Opfergaben dem zelebrierenden Priester am Hochaltar. Später gingen die Rollen von den Geistlichen an Laien über und das Spiel wurde von der Kirche auf öffentliche Plätze verlegt. Nun entwickelten sich eigentliche Dreikönigsspiele, wie sie zum Beispiel in Savièse bis 1891 mit grossem Aufwand aufgeführt wurden. Als Rest eines solchen Dreikönigsspiels dürfte auch das Chinigrosslinun im Lötschental anzusehen sein. Mit dem Auftritt von Gesangsgruppen integriert dieses übrigens auch die weit verbreitete Tradition des Sternsingens.
Sterbender Brauch?
Beim Chinigrosslinun handelt es sich um den letzten noch praktizierten Dreikönigsumzug im Wallis. Doch auch im Lötschental zeigt der Brauch in jüngster Zeit Ermüdungserscheinungen und wird bereits seit längerem nicht mehr regelmässig in allen vier Dörfern durchgeführt. In Blatten ist er vollständig verschwunden. Anderseits wurde an gewissen Orten des Mittelwallis (namentlich in Chandolin im Val d’Anniviers) das Dreikönigsbrauchtum wieder aufgenommen und hat dabei neue Inszenierungsformen erfahren.
Bibliografie
Albert Carlen: „Das Ordinarium Sedunense und die Anfänge der geistlichen Spiele im Wallis“, Blätter aus der Walliser Geschichte IX/1943, 349-373.
Hans und Leo Kalbermatten: „Chinigrosslinun“, Blatten. Was alte Menschen, alte Häuser und alte Schriften erzählen, Blatten 1997, 16.
Marcus Seeberger: Dreikönigs-Brauchtum im Wallis und die Königliche Bruderschaft von Leuk, Schriftenreihe der Königsbruderschaft von Leuk, 1/1987.
Johann Siegen: „Die Drei Könige im Wallis“, Heimatleben 3/1954, 52-54.
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