Die Fastnacht der ledigen Frauen
Text: Ignaz Bellwald, Kippel
Dr Grooss Doorf
Für Nichteingeweihte der mitunter schwer verständlichen Dialektsprache eine kleine Erklärung: Dorf kommt von dorfen, was soviel bedeutet wie miteinander sprechen.
Früher sind gegen Ende des Winters die Spinnabende oft mit kleinen Festessen verbunden gewesen; die Schmäuse hiess man „Zittelabende“ und es wurde dabei Rahm, mit Safran gewürzter Reisbrei und Mitschubrot aufgetischt. Ursprünglich entstand also dr Grooss Doorf aus diesen Zittelabenden, wobei sich hier die ledigen Töchter und Gesellen trafen. Diese Schmäusereien wurden dann später übernommen für die Fastnachtsunterhaltung an Gigismontag und -dienstag.
Dr Grooss Doorf begann am 3. Februar nachmittags und dauerte bis Aschermittwoch. Während die Gesellen als Tschäggättä liefen, kamen die ledigen Töchter des Dorfes in dieser Zeit abwechselnd in einer Dorfstube zusammen, wobei der Turnus mit der jüngsten Zwanzigjährigen begann. Jede brachte ihre Handarbeit mit: Kunkel und Spinnrad, Strickkorb oder Zwirnstuhl, Strohflechterei oder Handstrickerei. Es wurde gitretschud (Strohbänder für Hüte geflochten), glismud (gestrickt) oder gibendlud (das Band bestickt, das den Ärmelabschluss der Hemden der Sommertracht bildete).
Partnerschaften anbahnen
Ein durch seine Eigenart und Heimeligkeit reizvoller Anblick bot sich, wenn nun die versammelten Dorfschönheiten auf der längs den Wänden laufenden Stubenbank Platz genommen hatten. Ringsum Rad an Rad, neben jedem die künstlich geschnitzte, hinaufragende Kunkel mit dem schwarzen, weissen oder gelben Wollknäuel, das mit einem farbigen Band umwunden war. Hinter jedem Rad die Spinnerin in der eigenartigen Lötschentracht: dunkles Wollleibchen, blütenweisse lange Hemdärmel, die hell leuchtende Schürze und auf dem Scheitel der niedrige, von schwarzem Samt eingefasste Strohhut. Wo in der Reihe eine Heiratskandidatin sass, ersah man an den niedlichen Gämslein, Vögelchen oder sonst einem Figürchen, das die hölzerne Verstellnadel des Knäuelbandes zierte. Diese war samt der Kunkel ein selbst verfertigtes Geschenk des Verehrers und vertrat bei der Auserwählten die Stelle der „Vergissmeinnicht“.
Dass im Gross Dorf nicht nur die Rädchen schnurrten, sondern ebenso sehr die Mäulchen plapperten, war selbstverständlich. Da wurden von Lötschen Ereignisse, Sagen und Anekdoten erzählt und künftige Heiraten besprochen, wobei manches anzügliche Wörtlein an die Adresse der Besitzerinnen der hübschen Gämslein und Vögelchen losschoss. Aber auch das Tanzbein wurde geschwungen; Mazurka, Walzer, Polka, Schottisch und andere Hupfr tanzte man nach den Tönen einer Mundharmonika, Handorgel oder später auf einem Grammophon. Und es wurden alte Volkslieder gesungen. Dr Grooss Doorf war eine wirkliche Gesangschule für die Töchter. Eine solche sagte, sie habe mehr als hundert Volkslieder im Grooss Doorf gelernt, und wieder andere gelehrt, auch das Tanzen wurde hier erlernt.
Gewöhnlich waren auch Burschen dabei, die der Geliebten beim Abspinnen des Wollrestes am Spinnrocken behilflich waren. Dafür erhielt der junge Mann an der Alten Fastnacht (1. Fastensonntag) von der Geliebten ein Küchlein. Die Gesellen, die sich als Tschäggättä oder Otschini verkleidet hatten, waren ihrerseits beim Grooss Doorf mit dem Schwärzen der Gesichter der Töchter beschäftigt.
Die weibliche Eitelkeit, sagte man, bleibe just dem „grossen Hengert“ auch nicht ferne. Einmal wagte ein Bursche in den Grooss Doorf hineinzurufen: „Sieh, wie doch die Schönste aus der Nase blutet!“ Und sofort griff eine nach dem Näschen. Dafür wurde sie von den andern Tugendsamen ausgelacht. Boshafte Zungen sagten, alle hätten es zugleich getan.
Der Fastnachtstanz
Der Abschluss des Grooss Doorf waren der Gigismontag und -dienstag. Dieser fand nicht mehr in den privaten Wohnstuben, sondern im Gemeindehaus statt. Am Dienstag hat man auch den Gemeinderat dazu eingeladen. Man ernannte einen Tafelmajor und dann hat man Spiele gemacht wie den Kissen- und Besentanz, der Abt hat seinen Kutte verloren, Blindekuh, Verehrer und Lauscher und das Pfanderspiel. Die Töchter besorgten Fastnachtsküchlein und die Gesellen Wein und andere süsse Getränke. Das Fastnachten an diesen Tagen kostete 1900 Fr. 0.50, in den 1920er Jahren Fr. 2.00 und 1960 um Fr. 15.00 pro Person, aufgeteilt auf die Männer. Früher haben die Gesellen im Frühling einen Acker mit der Haue umgegraben, die Töchter haben die Kartoffeln gepflanzt und im Juni den Acker gepflegt und im Herbst haben die Gesellen die Kartoffeln gegraben und verkauft. Mit diesem Geld hat man an diesen Tagen gefastnachtet. Der Grooss Doorf wurde in Kippel und Wiler in den Jahren 1965/1966 aufgehoben.