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Braucharchiv Lötschental

Fastnacht im Lötschental

 

Verkannte Vielfalt

 

Die Lötschentaler Fastnacht beginnt jeweils an Mariä Lichtmess (2. Februar) und endet in der Nacht vor dem Aschermittwoch, am Gidisziischtag. Die Tschäggätta als die bekannteste und markanteste Figur dieser Fastnacht lässt vergessen, dass es früher wie heute im Lötschental noch andere fastnächtliche Figuren und Formen gab und gibt.

Die Tschäggättä werden in einer separaten Rubrik dargestellt (siehe Braucharchiv/Tschäggätta), weshalb hier auf sie nicht eingegangen wird.

Dem Tschäggättun als dem Treiben der Burschen stand der Grooss Doorf als Vergnügen der jungen Frauen gegenüber. Während der Fastnachtszeit versammelten sich diese jeweils am Nachmittag, ausser am Sonntag, zum „Grooss Doorf“. (Vgl. Text unten.) Dabei machte man Handarbeiten, plauderte miteinander und sang Lieder. Gelegentlich wurde auch getanzt. Auch kam es vor, dass sich die jungen Frauen verkleideten und als Maschgini auf die Strasse gingen.

Die Mädchen unter 20 Jahren durften den Bunggl, auch Chlein Dorf genannt, besuchen. Früher fand dieser in einer privaten Stube statt, heute gleicht er eher einer Disco und wird – meist am Abend – in einem Lokal im Dorf veranstaltet.

 

Chiächlini und Chemingugger

 

Der einzige Unterhaltungsanlass, an dem sich die ledigen Frauen und Männer in der Fastnachtszeit unverkleidet trafen, war der Fastnachtstanz im Burger- oder Gemeindehaus. Dieser fand jeweils am Gidismentag oder Gidiszischtag vor Aschermittwoch statt. Beliebt war auch das Fastnachtstheater, das seinen Höhepunkt in den 1940er Jahren erlebte, um dann allmählich zu verschwinden.

Nach wie vor stark gepflegt wird das Backen von Fastnachtsküchlein, genannt Chiächlini (siehe Braucharchiv/ Chiächlini). Dagegen sind die Chemingugger (Kaminschauer) längst verschwunden. Diese kontrollierten zur Fastnachtszeit, ob die Rauchfänge von Russ und Asche gereinigt worden waren und wurden dabei in den Häusern jeweils bewirtet. Und ebenfalls verschwunden ist der auch andernorts bekannte Brauch des heimlichen Wegtragens und Versteckens des Fleischhafens.

Neben den Tschäggättä traten schon früher auch andere Maskenfiguren auf, genannt Maschgini, Ootschini oder Fuidini. Diese verkleideten sich in der Regel mit abgetragenen Kleidern oder Lumpen. Daneben gab es die hübschen Masken (hibschi Liit, hibschi Maschgini), die in Trachten oder gar Modekleidern daherkamen. Auch heute ist das spontane Maskentreiben und Sich-Verkleiden im Lötschental bei Jung und Alt beliebt, wobei die verschiedensten Kostüme getragen werden.

Fastnachtstanz im Gemeindehaus von Kippel, um 1930 (Foto Mediathek Wallis-Martigny; Albert Nyfeler)
Eine Tschäggätta und ein Maschgin, um 1930 (Foto Mediathek Wallis-Martigny; Albert Nyfeler)

Dr Grooss Doorf, um 1900 (Aufnahme Fred Boissonas)

Die Fastnacht der ledigen Frauen

Text: Ignaz Bellwald, Kippel

Dr Grooss Doorf

Für Nichteingeweihte der mitunter schwer verständlichen Dialektsprache eine kleine Erklärung: Dorf kommt von dorfen, was soviel bedeutet wie miteinander sprechen.

Früher sind gegen Ende des Winters die Spinnabende oft mit kleinen Festessen verbunden gewesen; die Schmäuse hiess man „Zittelabende“ und es wurde dabei Rahm, mit Safran gewürzter Reisbrei und Mitschubrot aufgetischt. Ursprünglich entstand also dr Grooss Doorf aus diesen Zittelabenden, wobei sich hier die ledigen Töchter und Gesellen trafen. Diese Schmäusereien wurden dann später übernommen für die Fastnachtsunterhaltung an Gigismontag und -dienstag.

Dr Grooss Doorf begann am 3. Februar nachmittags und dauerte bis Aschermittwoch. Während die Gesellen als Tschäggättä liefen, kamen die ledigen Töchter des Dorfes in dieser Zeit abwechselnd in einer Dorfstube zusammen, wobei der Turnus mit der jüngsten Zwanzigjährigen begann. Jede brachte ihre Handarbeit mit: Kunkel und Spinnrad, Strickkorb oder Zwirnstuhl, Strohflechterei oder Handstrickerei. Es wurde gitretschud (Strohbänder für Hüte geflochten), glismud (gestrickt) oder gibendlud (das Band bestickt, das den Ärmelabschluss der Hemden der Sommertracht bildete).

Partnerschaften anbahnen

Ein durch seine Eigenart und Heimeligkeit reizvoller Anblick bot sich, wenn nun die versammelten Dorfschönheiten auf der längs den Wänden laufenden Stubenbank Platz genommen hatten. Ringsum Rad an Rad, neben jedem die künstlich geschnitzte, hinaufragende Kunkel mit dem schwarzen, weissen oder gelben Wollknäuel, das mit einem farbigen Band umwunden war. Hinter jedem Rad die Spinnerin in der eigenartigen Lötschentracht: dunkles Wollleibchen, blütenweisse lange Hemdärmel, die hell leuchtende Schürze und auf dem Scheitel der niedrige, von schwarzem Samt eingefasste Strohhut. Wo in der Reihe eine Heiratskandidatin sass, ersah man an den niedlichen Gämslein, Vögelchen oder sonst einem Figürchen, das die hölzerne Verstellnadel des Knäuelbandes zierte. Diese war samt der Kunkel ein selbst verfertigtes Geschenk des Verehrers und vertrat bei der Auserwählten die Stelle der „Vergissmeinnicht“.

Dass im Gross Dorf nicht nur die Rädchen schnurrten, sondern ebenso sehr die Mäulchen plapperten, war selbstverständlich. Da wurden von Lötschen Ereignisse, Sagen und Anekdoten erzählt und künftige Heiraten besprochen, wobei manches anzügliche Wörtlein an die Adresse der Besitzerinnen der hübschen Gämslein und Vögelchen losschoss. Aber auch das Tanzbein wurde geschwungen; Mazurka, Walzer, Polka, Schottisch und andere Hupfr tanzte man nach den Tönen einer Mundharmonika, Handorgel oder später auf einem Grammophon. Und es wurden alte Volkslieder gesungen. Dr Grooss Doorf war eine wirkliche Gesangschule für die Töchter. Eine solche sagte, sie habe mehr als hundert Volkslieder im Grooss Doorf gelernt, und wieder andere gelehrt, auch das Tanzen wurde hier erlernt.

Gewöhnlich waren auch Burschen dabei, die der Geliebten beim Abspinnen des Wollrestes am Spinnrocken behilflich waren. Dafür erhielt der junge Mann an der Alten Fastnacht (1. Fastensonntag) von der Geliebten ein Küchlein. Die Gesellen, die sich als Tschäggättä oder Otschini verkleidet hatten, waren ihrerseits beim Grooss Doorf mit dem Schwärzen der Gesichter der Töchter beschäftigt.

Die weibliche Eitelkeit, sagte man, bleibe just dem „grossen Hengert“ auch nicht ferne. Einmal wagte ein Bursche in den Grooss Doorf hineinzurufen: „Sieh, wie doch die Schönste aus der Nase blutet!“ Und sofort griff eine nach dem Näschen. Dafür wurde sie von den andern Tugendsamen ausgelacht. Boshafte Zungen sagten, alle hätten es zugleich getan.

Der Fastnachtstanz

Der Abschluss des Grooss Doorf waren der Gigismontag und -dienstag. Dieser fand nicht mehr in den privaten Wohnstuben, sondern im Gemeindehaus statt. Am Dienstag hat man auch den Gemeinderat dazu eingeladen. Man ernannte einen Tafelmajor und dann hat man Spiele gemacht wie den Kissen- und Besentanz, der Abt hat seinen Kutte verloren, Blindekuh, Verehrer und Lauscher und das Pfanderspiel. Die Töchter besorgten Fastnachtsküchlein und die Gesellen Wein und andere süsse Getränke. Das Fastnachten an diesen Tagen kostete 1900 Fr. 0.50, in den 1920er Jahren Fr. 2.00 und 1960 um Fr. 15.00 pro Person, aufgeteilt auf die Männer. Früher haben die Gesellen im Frühling einen Acker mit der Haue umgegraben, die Töchter haben die Kartoffeln gepflanzt und im Juni den Acker gepflegt und im Herbst haben die Gesellen die Kartoffeln gegraben und verkauft. Mit diesem Geld hat man an diesen Tagen gefastnachtet. Der Grooss Doorf wurde in Kippel und Wiler in den Jahren 1965/1966 aufgehoben.

 

Dynamischer Brauch

 

Seit den 1960er Jahren hat die Lötschentaler Fastnacht zahlreiche markante Veränderungen erfahren. So wird seit 1964 alljährlich am Samstag vor Aschermittwoch in Wiler ein Fastnachtsumzug organisiert, gefolgt von einer Prämierung der Tschäggättä und einem Unterhaltungsabend in der Turnhalle. Noch jünger ist das nächtliche Treiben der Tschäggättä, denen bis in die 1970er Jahre nur das Auftreten am Nachmittag erlaubt war. Seit den 1980er Jahren treten überdies gelegentlich einheimische Schnitzelbankgruppen auf.

Kindergruppe am Fastnachtsumzug in Wiler 2005 (Foto Lötschentaler Museum; Hans Kalbermatten)

Guggenmusik Wäschgärra (Aufnahmen 1999, Caroline Kronig)

Mit den „Wäschgärra“ verfügt das Lötschental über eine eigene Guggenmusik. Entsprechend ihrem Namen ist ihr Kostüm jeweils in den Farben Schwarz und Gelb gehalten. Die Guggumuisig wurde 1997 gegründet und bildet seither einen festen Bestandteil der Lötschentaler Fastnacht. Die Mitglieder der Guggenmusik stammen aus allen vier Talgemeinden, die meisten von ihnen machen in einer der vier Musikgesellschaften des Tals mit.

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