Wandel und Konstanz
Traten die Herrgottsgrenadiere früher vereinzelt auch an weltlichen Anlässen auf, kommt heute der Grenadieruniform im Lötschental – ähnlich der Frauentracht – fast nur mehr die Funktion eines Kirchenkleids zu. Neben den dreimal jährlich stattfindenden Prozessionen verschönern sie auch die selten gewordenen Primizfeiern sowie den Empfang eines neuen Pfarrers. Solange die vier Gemeinden des Tals eine einzige Pfarrei bildeten, stellte an Fronleichnam jeweils nur eine Gemeinde das Militär. An Segensonntag und Kirchweihe marschierten dagegen alle vier Gemeinden gemeinsam auf.
Doch weniger der Wandel ist es als vielmehr die Konstanz, welche den Brauch des Herrgottsgrenadiers prägt. So stellt etwa die Einsetzung eines neuen Fenders nach wie vor ein besonderes Ereignis dar, an dem ein grosser Teil der Bevölkerung teilnimmt. Der Fender muss jeweils ledig sein und wird – wie der Wachtmeister – von den Stimmberechtigten der jeweiligen Gemeinde gewählt. Beiden Ämtern kommt noch immer ein hohes Prestige zu. Und die Teilnahme am Aufzug erfolgt mehr oder weniger spontan. Das heisst, wer über eine Uniform verfügt und Lust hat aufzuziehen, macht mit. Irgendwelche Vereinszugehörigkeit oder ein geleisteter Militärdienst sind nicht erforderlich. Für die teilnehmenden Soldaten geht es beim Uifzug um ein freiwilliges Bekenntnis zu einer Tradition und Glaubenspraxis.
Ursprung
Die militärische Eskortierung wichtiger Personen oder Ereignisse hat in Europa eine lange Tradition. Sie diente in gleicher Weise der Ehrerbietung gegenüber dem weltlichen wie dem göttlichen Herrscher. Im Lötschental scheint der Soldatenaufzug in historischen Uniformen an Prozessionen auf die fremden Kriegsdienste zurück zu gehen, für die sich nicht wenige Lötscher während Jahrhunderten und bis zum eidgenössischen Verbot von 1859 rekrutieren liessen. Die heimgekehrten Söldner wussten um die Wirkung des militärischen Kleides auch bei religiösen Anlässen. Prunkvolle Manifestationen wie etwa die alljährliche Prozession vom 8. September nach Santa Maria di Piedigrotta in Neapel mit einem Aufzug von gegen 20'000 Soldaten waren ihnen Vorbild für die Gestaltung religiöser Feste zu Hause.