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Braucharchiv Lötschental

Herrgottsgrenadiere

Herrgottsgrenadiere in Blatten

Beschreibung

Die Herrgottsgrenadiere verleihen den Prozessionen an Fronleichnam, am darauf folgenden Sonntag (Segensonntag) und an den Kirchweihfesten mit ihren historischen Uniformen ein ganz besonderes Gepräge. Die Uniformen gehen zum Teil auf die fremden Kriegsdienste zurück; teilweise bestehen sie auch aus früheren Ausrüstungen der Schweizer Armee. Das auffallendste Merkmal ist der rote Uniformrock mit den weissen Epauletten und dem weissen Wehrgehänge mit Säbel und Patronentasche. Einen Blickfang stellen auch die verschiedenen Kopfbedeckungen mit den hohen Federbüschen dar. Dabei tragen Wachtmeister und Fähnrich Zweispitze, die Grenadiere an der Spitze des Aufzugs Bärenfellmützen und der hintere Zug das frühere Käppi der Schweizer Armee.

Fronleichnamsprozession in Kippel 2008: Rückkehr zur Kirche

Ablauf

An Fronleichnam, Segensonntag und Kirchweih nehmen die Grenadiere jeweils am Vormittag anlässlich der Messfeier und der anschliessenden Prozession durchs Dorf teil, wo sie dem Allerheiligsten das Geleit geben.
Am Nachmittag treten sie bei der sogenannten Parade ein zweites Mal auf. Dabei schwingt der Fähnrich unter Begleitung der Musikgesellschaft die Gemeindefahne. Kommandiert und angeführt wird der Aufzug vom Wachtmeister. Ihm folgen der erste und der zweite Zug, die durch den Fähnrich („Fender“) voneinander getrennt sind.

Einsetzung eines neuen Fenders 1928 in Kippel

 

Wandel und Konstanz

Traten die Herrgottsgrenadiere früher vereinzelt auch an weltlichen Anlässen auf, kommt heute der Grenadieruniform im Lötschental – ähnlich der Frauentracht – fast nur mehr die Funktion eines Kirchenkleids zu. Neben den dreimal jährlich stattfindenden Prozessionen verschönern sie auch die selten gewordenen Primizfeiern sowie den Empfang eines neuen Pfarrers. Solange die vier Gemeinden des Tals eine einzige Pfarrei bildeten, stellte an Fronleichnam jeweils nur eine Gemeinde das Militär. An Segensonntag und Kirchweihe marschierten dagegen alle vier Gemeinden gemeinsam auf.

Doch weniger der Wandel ist es als vielmehr die Konstanz, welche den Brauch des Herrgottsgrenadiers prägt. So stellt etwa die Einsetzung eines neuen Fenders nach wie vor ein besonderes Ereignis dar, an dem ein grosser Teil der Bevölkerung teilnimmt. Der Fender muss jeweils ledig sein und wird – wie der Wachtmeister – von den Stimmberechtigten der jeweiligen Gemeinde gewählt. Beiden Ämtern kommt noch immer ein hohes Prestige zu. Und die Teilnahme am Aufzug erfolgt mehr oder weniger spontan. Das heisst, wer über eine Uniform verfügt und Lust hat aufzuziehen, macht mit. Irgendwelche Vereinszugehörigkeit oder ein geleisteter Militärdienst sind nicht erforderlich. Für die teilnehmenden Soldaten geht es beim Uifzug um ein freiwilliges Bekenntnis zu einer Tradition und Glaubenspraxis.

 

Ursprung

Die militärische Eskortierung wichtiger Personen oder Ereignisse hat in Europa eine lange Tradition. Sie diente in gleicher Weise der Ehrerbietung gegenüber dem weltlichen wie dem göttlichen Herrscher. Im Lötschental scheint der Soldatenaufzug in historischen Uniformen an Prozessionen auf die fremden Kriegsdienste zurück zu gehen, für die sich nicht wenige Lötscher während Jahrhunderten und bis zum eidgenössischen Verbot von 1859 rekrutieren liessen. Die heimgekehrten Söldner wussten um die Wirkung des militärischen Kleides auch bei religiösen Anlässen. Prunkvolle Manifestationen wie etwa die alljährliche Prozession vom 8. September nach Santa Maria di Piedigrotta in Neapel mit einem Aufzug von gegen 20'000 Soldaten waren ihnen Vorbild für die Gestaltung religiöser Feste zu Hause.

Geschichte

Für das Tragen alter Söldneruniformen an kirchlichen Feiertagen gibt es zahlreiche Belege. Unter anderem schreibt der Toggenburger Landschaftsmaler Rudolf Bühlmann 1835 in seinem Reisebericht: „So habe ich in diesen Dörfchen über 1 Dutzend meist französische Uniformen worunter auch eine Husarenuniform aus der Zeit Napoleons vor oder unter den Fenstern gesehen, um sie gut auszutrocknen, weil sie letzten Sonntag bey der Prozession getragen wurden.“ Die Uniformen aus fremden Kriegsdiensten vererbten sich von Generation zu Generation. Doch musste ab dem späten 19. Jahrhundert der seit 1860 ausbleibende Uniformnachschub mittels Neuanfertigung oder Zukauf aus andern Regionen ersetzt werden. So lässt man sich 1883 die Herstellung von 150 Uniformröcken die erkleckliche Summe von 12'000 Franken kosten. Vermutlich erst in dieser Zeit begann sich das Bild des Grenadierzugs an den Prozessionen zu vereinheitlichen.

Wachtmeister Josef Rieder und Grenadiere aus Wiler 1936
an der Prozession in Kippel
Fronleichnam in Kippel um 1930
Militärparade in Blatten um 1920

Album zur Eröffnung des Landesmuseums in Zürich: Herrgottsgrenadiere als Bestandteil der Walliser Umzugsgruppe

 

Markenzeichen

Wieso der Lötschentaler Prozessionsaufzug im späten 19. Jahrhundert an den historischen Uniformen festhält und nicht, wie andernorts üblich, zur Militäruniform der Schweizer Armee greift, muss offen bleiben. Fest steht, dass das Verharren in der alten Brauchform deren Attraktivität beträchtlich steigert. Die nach dem Modell neapolitanischer Söldneruniformen geschneiderten rotweissen Uniformen machen das „Tal der Täler“ – im Verbund mit Masken und Trachten – in der ganzen Schweiz und darüber hinaus bekannt. Zur touristischen Attraktion wurde die Fronleichnamsprozession mit dem Soldatenaufzug insbesondere nach der Eröffnung des Lötschbergtunnels 1913. Und mit August Kerns Film „Die Herrgottsgrenadiere“ erhielten die roten Soldaten im Jahre 1932 jene Bezeichnung, unter der sie inzwischen emblematischen Charakter erhalten haben.

 

Bibliografie

Thomas Antonietti, Marcus Seeberger: Die Herrgottsgrenadiere. Ursprung und Phänomen eines Brauchtums, Kippel 1988.
Mit umfassender Bibliografie zum Thema.

 

 

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