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Braucharchiv Lötschental

Tschäggättä - die Lötschentaler Holzmasken

Grinsende Tschäggätta mit ihrem „Opfer“, Blatten, 1986

Beschreibung

Bei der Tschäggätta (Mehrzahl Tschäggättä) handelt es sich um die bekannteste und markanteste Figur der Lötschentaler Fastnacht. Diese beginnt jeweils am Tag nach Mariä Lichtmess (2. Februar) und endet in der Nacht vor dem Aschermittwoch, am Gidisziischtag.

Geschnitzte Holzmasken mit menschlichem Antlitz sind weltweit verbreitet. Und nicht selten sind sie mit einem Tierfell bestückt. So in verschiedenen alpinen Gebieten der Schweiz, Deutschlands und Österreichs, aber auch in nichtalpinen Regionen wie Sardinien oder Ungarn. Zu diesem Maskentypus gehört auch die Lötschentaler Tschäggätta.

Äusseres

Traditionellerweise tragen die Tschäggättä alte, oft umgestülpte Kleider, darüber Tierfelle, die vorne und hinten über die Schultern herunterhangen. Die Lenden sind von einem Schellenriemen umgürtet, an dem eine Triichla (Kuhglocke) befestigt ist. Vervollständigt wird die Verkleidung durch Triämhäntschn (umgestülpte Wollhandschuhe) sowie durch um Beine und Schuhe gewickelten Jutestoff. Ein wichtiges Element des Kostüms ist schliesslich die Puggl genannte Polsterung der Schulterpartie, die in jüngster Zeit markant höher geworden ist.

Das entscheidende Merkmal der Tschäggätta bleibt indessen die grosse, fratzenhafte Holzmaske mit dem rückseitigen Fell. Am Kopf festgehalten wird sie meist mit einem Sacktuch, das unter dem Fell an die Maske angenagelt ist. Eine Tschäggättularfa ist zwischen 30 und 50 Zentimeter hoch, die Augen stehen in einem Abstand von etwa sieben Zentimetern.

Tschäggätta am Abend des Fetten Donnerstag 2004 in Blatten

Tragmaske, Blatten, um 1900 (Museum der Kulturen, Basel)
Tragmaske, geschnitzt von Ignaz Ebener, bemalt von Albert Nyfeler, 1937

Formveränderung

 

Unter dem Einfluss von Zeitgeschmack und Nachfrage haben sich die Masken formal stetig verändert. So liess etwa das geistige Umfeld der 1930er Jahre, das in den Masken das Urchige und Alpine sehen wollte, groteskere, angsterregende und grimmige Gesichtszüge entstehen. Unter dem Einfluss von Kunstmaler Albert Nyfeler veränderte sich in jener Zeit auch die Farbgebung. Und seit den 1950er Jahren treten an die Stelle von geschnitzten Zähnen eingesetzte Tierzähne. Eine gewisse Konstanz verrät dagegen das Material: Die Masken sind in der Regel aus Holz (meist aus Arvenholz bzw. Zirbelkiefer) geschnitzt und der Pelz besteht grossenteils aus Schaf- oder Ziegenfell. Und trotz der Verzerrungen und Deformierungen sind es stets menschliche Gesichtszüge, die imitiert werden, und praktisch nie tierische Gestalten.

Brauch

Traditionellerweise liefen die Maskenfiguren an den Nachmittagen der Fastnachtszeit (mit Ausnahme des Sonntags) allein oder in kleinen Gruppen durch die Dorfgassen. Mit ihrem Aussehen und Verhalten wollten sie nicht zuletzt jungen Frauen und Kindern Angst und Respekt einflössen. Wer sich den maskierten Burschen nicht rechtzeitig zu entziehen vermochte, riskierte, in den Schnee gedrückt und mit Russ geschwärzt zu werden. Beliebt war auch – insbesondere am Feisti Froontag (Schmutziger Donnerstag) – das Herumziehen in grösseren Gruppen von Dorf zu Dorf. Und gelegentlich kam es auch zu einem Besuch in einer Privatwohnung, oder die maskierten Männer machten dem Gross Dorf ihre Aufwartung, das heisst dem Fastnachtshock der ledigen Frauen, die sich Geschichten erzählten, Lieder sangen und gleichzeitig textile Handarbeiten ausführten. In den letzten 50 Jahren hat der Brauch des Tschäggättuns markante Änderungen erfahren. So treten die Tschäggättä seit den 1970er Jahre auch nachts auf, was früher streng verboten war. Auch verstecken sich unter den Masken nicht mehr – wie früher üblich – nur ledige Jungmänner, sondern Männer, Frauen und Kinder. Und neben dem spontanen Maskenlaufen, das nach wie vor die Lötschentaler Fastnacht prägt, gibt es inzwischen auch organisierte Anlässe wie den Tschäggättu-Loif von Blatten nach Ferden am Abend des Fetten Donnerstag oder den Umzug vom Fastnachtssamstag in Wiler.

Die steten Brauchänderungen sind ebenso Bestandteil der Tradition wie das Unterlaufen der Regeln, die sich periodisch aus bestimmten Brauchgewohnheiten herausbilden. So liest man beispielsweise 1958 bei Prior Siegen: „Früher liefen nur erwachsene Gesellen als Tschäggättä, für jüngere war das verpönt. Heute haben sich die Fortbildungsschüler dieses Brauches bemächtigt. Ich sah das nicht gern, weil die kaum aus der Schule Entlassenen noch hemmungsloser sind und der Brauch darunter leiden muss. Er ist nicht für Leute in den Flegeljahren.“

Tschäggätta am Nachtumzug 2004
Tschäggätta am Fastnachtsumzug in Wiler 2009

Ursprung

Über den Ursprung der Lötschentaler Holzmasken kursieren mehrere Legenden und zahlreiche Theorien. Doch handelt es sich dabei ausschliesslich um Spekulationen ohne wissenschaftliche Grundlage. Entstanden ist der Brauch vermutlich vor wenigen Jahrhunderten. Nicht auszuschliessen ist, dass sich die Tschäggätta aus der Teufelsfigur des barocken Kirchentheaters herausentwickelt hat. Nachgewiesen ist, dass die geschnitzte Holzmaske spätestens seit dem 19. Jahrhundert zur Verkleidung der „Gescheckten“ gehört. Einen Anhaltspunkt liefert uns diesbezüglich Johann Baptist Gibsten, 1864-1876 Prior (Pfarrer) von Kippel, in seiner Pfarreichronik. Indem er das von ihm erlassene Maskierungsverbot erwähnt, vermittelt uns der Prior eine recht detaillierte Beschreibung der damaligen Tschäggättä:

„Zur Fassnachtzeit war hier ein schrecklicher Misbrauch der sogenannten Tscheggette. So wüst man sich bekleiden konnte; das Gesicht mit abschaulicher Holzlarve, den Kopf mit Hörner, den Leib mit Pelzen; Thieren ähnlich, Kind erschreckend, Töchter mit Asche u. Blut etc beschmieren, das war die Freude der sogenannten Tscheggeten, auch unmoralisches lugte hie u. da aus derselben Rohheit hervor. Jch verdrengte sie endlich, doch aber hie u. da vor der Fassnachtszeit eine Zurückerinnerung an das Verboth zu machen, könnte wohl am Platze seÿn.“

Die Schurten Diebe

Eine der am häufigsten genannten Ursprungslegenden der Tschäggättä ist die Sage von den Schurten Dieben:

„In den Wäldern auf der Schattenseite des Tales wohnten früher die ‚Schurten Diebe’.  Noch heute erkennt man die Hofstätten, am besten auf dem Giätrich, dem Wilerdorf gegenüber. Es waren das kleine, aber gedrungene Männer, die in der Nacht auf Raub und Diebstahl auszogen. Sie nahmen keinen in ihren Bund auf, wenn er nicht mit einer Bürde von hundert und einem Pfund bei ‚Gsellisch Chin’ über die Lonza zu springen vermochte.“

Bei den Schurten Dieben (schurt = kurz, kleingewachsen) soll es sich also um eine Art Männerbund gehandelt haben, dessen Kostümierung manchmal mit den Tschäggättä in Verbindung gebracht wird: Die Schurten Diebe sollen Holzmasken, Felle und umgehängte Schellen getragen haben.

Entdeckung

Um 1900 werden die Lötschentaler Holzmasken von Forschern aus der deutschen Schweiz entdeckt. Im Zuge dieser Entdeckung gelangen zahlreiche Masken in die Sammlungen grosser Museen der Schweiz und des Auslandes. Eine besonders repräsentative Gruppe erwirbt dabei das Museum der Kulturen in Basel. Die in Ausstellungen gezeigten und von Volkskundlern publizieren Holzmasken erregen bald einmal auch die Aufmerksamkeit privater Sammler. Einer von ihnen ist Baron Eduard von der Heydt, dessen in den 1920er und 30er Jahren zusammengetragene Sammlung von Lötschentaler Holzmasken heute Bestandteil des Museums Rietberg in Zürich ist.

Zu den frühen Entdeckern der Lötschentaler Tschäggättä gehört auch der ETH-Professor Friedrich Gottlieb Stebler. Dieser hält sich regelmässig im Lötschental auf, publiziert 1907 die Monografie „Am Lötschberg. Land und Volk von Lötschen“ und bringt den amerikanischen Filmproduzenten Frederick Burlingham ins Tal. In dessen 1916 gedrehtem Film „Eine sehr exotische Schweiz: Das Lötschental“ tritt – mitten im Sommer! – eine Gruppe von mit Holzmasken und Fellen bekleideten Burschen auf und vollführt auf einem Platz in Blatten eine Art Maskentanz.

 

Zwei Lötschentaler Masken aus der Zeit um 1900 aus der Ethnographischen Sammlung am Historischen Museum Bern

Markenzeichen

Ihren ersten grossen Auftritt ausserhalb des Tals haben die Tschäggättä an der Landesausstellung 1939 in Zürich. Im Umfeld der Geistigen Landesverteidigung der Schweiz der 1930er und 40er Jahre erlebt das alpine Brauchtum ganz allgemein und mit ihm auch das Lötschentaler Maskenwesen eine starke Aufwertung und Beachtung von aussen: Als Inbegriff des Echten und Ursprünglichen werden die markanten Holzmasken zu Symbolträgern alpiner und damit schweizerischer Kultur. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird so aus einem lokalen Brauchrequisit ein kantonales und nationales Markenzeichen.

Maske, gezeigt 1939-40 an der Weltausstellung in New York
Maske gezeigt an der Pariser Weltausstellung 1937

Tschäggättä an einem offiziellen Anlass mit der deutschen Bundesministerin Renate Künast, 2004

Wirtschaftsfaktor

Findige Schnitzer erkennen umgehend den ökonomischen Nutzen dieses symbolischen Kapitals und beginnen in den 1940er Jahren mit der Herstellung sogenannter Souvenir- oder Dekorationsmasken. Diese sind im Gegensatz zu den Tragmasken kleiner und auf der Rückseite nicht ausgehöhlt. Und anstatt mit einem kompletten Kopffell sind sie lediglich mit einem schmalen Fellstreifen versehen. Auch werden die Dekorationsmasken schon bald einmal nicht mehr bemalt, sondern einheitlich mit der Lötlampe gebräunt. Zu den Pionieren dieser marktorientierten Herstellungstechnik gehören Maskenschnitzer wie Jakob Tannast aus Wiler und Willy Rieder aus Kippel. Eine rationalisierte Produktionsweise und der zunehmende Einsatz von Maschinen ermöglichen in der Folge die serienmässige Fabrikation und den massenhaften Absatz der kleinen Souvenirmasken. Für etliche Lötschentaler Familien wird die Maskenproduktion zu einer wichtigen Existenzgrundlage.

Zwei Pioniere der Souvenirmaske: Jakob Tannast, Wiler und Willy Rieder, Kippel

Individualisierung

Heute stellen die Schnitzer die Masken wieder vermehrt für sich selbst und ihre Kollegen her; und dies zum ausschliesslichen Zweck des Maskenlaufens. Diese Rückkehr zu den Ursprüngen geht einher mit gewissen stilistischen Veränderungen der Masken. So erfahren diese ab den 1970er Jahren eine Art Individualisierung, indem sich die Schnitzer nun vermehrt durch einen eigenständigen Stil auszeichnen und ihre Masken innen signieren und datieren. Eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielt Agnes Rieder aus Wiler, die erste Maskenschnitzerin des Lötschentals. In den 1980er Jahren leiten junge Schnitzer wie Oskar Ebiner aus Ferden einen zusätzlichen Innovationsschub ein, indem sie sich bei ihrem Tun an Horrorfilmen, Science-Fiction-Figuren, Hard-Rock-Ästhetik und ähnlichem orientieren. Obwohl von Einheimischen auch etwa als Hollywood-Grindä (Hollywood-Köpfe) kritisiert, bestimmt diese Art von Masken zunehmend die Ästhetik der Lötschentaler Holzmasken. In jüngster Zeit stehen sich dabei unter den Schnitzern grundsätzlich zwei Positionen gegenüber: Einerseits die „Neuerer“, für die sich der Brauch, wenn er überleben will, auch formal der heutigen Zeit anpassen muss, und anderseits die „Traditionalisten“, die sich mit Vorliebe an älteren Modellen orientieren.

In der Werkstatt von Oskar Ebiner in Ferden, 2004

Masken 1997-2004 in der Ausstellung des Lötschentaler Museums

Rückkehr

Heute gibt es im Lötschental schätzungsweise rund 30 Maskenschnitzer. Mit der Herstellung von Souvenirmasken beschäftigen sich nur mehr sehr wenige, meist ältere Schnitzer wie Heinrich Lehner in Blatten oder Moritz Siegen in Ried. Viele der Schnitzer betreiben ihr Handwerk ausschliesslich privat und treten mit ihren Erzeugnissen kaum in Erscheinung, es sei denn als Maskenträger an der Fastnacht. Den Auftritt der Tschäggättä in Medien und Öffentlichkeit bestimmen letztlich einzelne jüngere Maskenschnitzer wie Heinrich Rieder und Christof Rieder aus Wiler, Bruno Ritler aus Blatten oder Bernhard Rieder aus Kippel. Letzterer produzierte 2002 den Film „Tschäggättä: Sagen und Geschichten“. Mehrere Schnitzer verfügen auch über eigene Maskensammlungen. So kann heute die Familie Ernst und Agnes Rieder in Wiler dem Gast in ihrem Maskenkeller eine umfassende Sammlung an meist selbst geschnitzten Lötschentaler Holzmasken präsentieren. Und das Lötschentaler Museum wartet dank Leihgaben aus Basel, Bern und Genf mit einer repräsentativen Gesamtschau auf, die Entwicklung und Typologie der Masken von 1900 bis heute dokumentiert.

Bibliografie

Werner Bellwald: Alte Masken aus dem Lötschental. Fastnachtsmasken aus der Sammlung des Rietbergmuseums, Zürich 1999.

Suzanne Chappaz-Wirthner, Grégoire Mayor: "Tschäggättä en scène : débats sur l’esthétique du masque parmi les sculpteurs du Lötschental", ethnographiques.org, 18/2009.

Marcus Seeberger: Menschen und Masken im Lötschental, Brig 1974.

Fotos

Lötschentaler Museum; Hans Kalbermatten, Blatten

Lötschentaler Museum; Rita Kalbermatten, Blatten

Walliser Bote; Lothar Berchtold

Helmut Seiter, Frankfurt a.M.

Pius Rieder, Brig-Glis

Archiv Jakob Bellwald, Kippel

Schaukasten
Archiv Lötschental
Agenda

Fre 10.02.2012
Der Maskenschnitzer Jakob Tannast
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Fre 09.03.2012
Ein Abend zum Thema Hoiwun
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Sam 19.05.2012
Jahresversammlung Förderverein
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