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Braucharchiv Lötschental

Tschärätun

Beim Tschärätun handelt es sich um eine Variante des Hornussens. In jeder Gemeinde des Lötschentals gab es dafür besondere Spielplätze. Gespielt wurde meist am Sonntag Nachmittag. Die Zahl der Mitspieler war unbegrenzt. Der Tschärät wurde mit dem Schlagstock (Tschärätschtäkn) in die Luft geschossen und musste von der Gegenmannschaft mit der Abfangschindel (Tschärätbriid) abgefangen werden.

Hornuss-Spiel auf dem Tschäräthubel in Wiler. Links im Vordergrund die Tschärätpartei, rechts im Hintergrund die Fänger. (Foto Johann Siegen)

1956 publizierte Marcus Seeberger einen sehr präzisen und detaillierten Bericht über das Tschärätun im Lötschental. Der Text ist Teil des Artikels „Erwachsenenspiele in Lötschen“, erschienen in der Festschrift für Prior Johann Siegen (Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 52/1956, S. 35-48) und sei im Folgenden wiedergegeben:

Spielfeld

Das Lieblingsspiel der Lötscher war natürlich das Tschärätun, eine primitive Form des Hornussens. Jede Gemeinde hatte ihre traditionellen Spielplätze; In Blatten spielte man inn Teifän Mattun oder än Brunmattun, beide Plätze hinter dem Dorf gelegen, oder ts Balistadl unterhalb Ried; in Wiler uf dr Zälg, inn Eiun oder uf’m Gsteinät; in Ferden traf man sich ts Chaschtäl. Am häufigsten wurde jedoch in Kippel gespielt, da sich das Spiel meistens dem sonntäglichen Nachmittagsgottesdienst anschloss. Wettspiele zwischen zwei Gemeinden wurden selten ausgetragen. Die Burschen der drei äusseren Gemeinden gingen wohl bisweilen bis nach Blatten und die Blattener bis nach Ferden; doch schaute man in der  Regel bei der Auswahl der Spieler nicht auf ihre Dorfzugehörigkeit. Dies hatte gewiss den Vorteil, dass bei Zwistigkeiten infolge eines umstrittenen Schlages keine Dorfrivalitäten aufkommen konnten. Die Zahl der Mitspieler war unbegrenzt. Wer Lust hatte, machte mit, Burschen und Verheiratete, Ledig und Vrwant. Zuerst mussten zwei annähernd gleich starke Parteien gebildet werden. Das Auslosen ging gleich vor sich wie beim Zielball. Ebenso wurde die Partei bestimmt, welche zuerst schlagen durfte. (In Blatten mussten die beiden Schortunmänner beim Auslosen zwei Grashalme ziehen. Wer den längeren Halm zog, durfte zuerst auswählen.) Bei ungleicher Parteistärke durfte auch hier ein Spieler für zwei spielen. Doch durfte dies nicht immer der beste sein. Vorerst musste noch das Riis „abgemarcht“ werden. Dies besorgten die Fengr, Fängerpartei. Das Spielfeld sollte möglichst eben sein und hinten leicht ansteigen; wo sich seine Begrenzung nicht durch die vorhandenen Wasserleitungen, Siänä, ergab, wurde diese durch Holzpflöcke, Schwirna, oder durch Steine gekennzeichnet. Die Pflöcke wurden in Abständen von 8 bis 10 cm Schritt in den Boden getrieben. Das Riis war in seiner ganzen Länge 30 bis 35 m breit; die Länge richtete sich nach der Zahl der  Mitspieler. Inzwischen hatten die  Schlegr, Schlägerpartei, den Tsiggn, Bock aufgestellt. Eine der bis vier Meter lange Latte von 8 bis 10 cm Durchmesser wurde mit dem dickern Ende auf einen in die Erde getriebenen Pfahl aufgenagelt. Das dünnere Ende lag auf dem Boden und wurde mit Steinen beschwert, damit sich die Latte beim Schlagen nicht verschieben konnte. Der Schnittpunkt von Latte und Pfahl hiess t Mugga. Wo der Tschärät aufgesetzt wurde, war die Latte leicht abgeplattet. Der Bock wurde mit Vorliebe auf einer  Bodenerhöhung hergerichtet. Auf der Zelg in Wiler stand er auf einem Hügel, der noch heute Tschäräthubl heisst.

Wurfkörper

Der Wurfkörper, Tschärät, eine runde Holzkugel von ungefähr fünf cm Durchmesser, wurde aus einem knorrigen Wurzelstück oder aus einem Ahornauswuchs, Buks, zurechtgeschnitten; nur selten wurde der Drechsler dazu angegangen. Die Abfangschindel, Tschärätbriid, und der Schlagstock, Tschärätschtäkn, waren Eigentum jedes Spielers. Die Schindel war ein 30 bis 40 cm breites, ungefähr 70 cm langes und drei bis vier cm dickes Brett aus Tannen- oder Lärchenholz. Ein guter Stock sollte etwas länger sein als der Spieler selbst. Man schnitt die Stöcke aus Eschenholz, Aletsch- oder Erlenstauden; auch tannene und lärchene Stöcke galten als gut. Während der Bock und die Grenzpflöcke das Frühjahr nicht überlebten, warteten Tschärät, Schlagstöcke und Bretter hinter der Haustüre auf  die nächste Spielsaison.

Spiel

Waren alle Vorbereitungen getroffen, konnte das Spiel beginnen. Die Fänger verteilten sich möglichst gleichmässig im Spielfeld. Die schwächeren Spieler blieben an der vordern Grenzlinie, wo weniger Schläge zu erwarten waren; in der Mitte und in der zweiten Hälfte stellten sich die besten Fänger auf, weil hier die gefährlichsten Bälle landeten. Die Bretter wurden an einem Ende seitlich angefasst und schützend vor den Körper gehalten. Nur selten waren sie mit einem Griff versehen. Die Schlägerpartei stellte sich beim Bock auf. Spieler um Spieler versuchte den Holzball mit kräftigem Stockschwung so in den Spielraum hinauszuschlagen, dass er von den Gegnern nicht aufgefangen werden konnte. Zu diesem Zweck war jede List erlaubt. Man schlug mehrmals über den Wurfkörper hinweg, um im günstigen Augenblick den Ball dorthin zu jagen, wo das Feld am schwächsten besetzt war. Vor allem galt es, die besten Fänger durch häufigen Wechsel von Schlaglänge und Schlagrichtung zu wiederholtem Positionswechsel zu zwingen und so zu ermüden. Standen die guten Spieler in der Feldmitte, flog der Ball in die Ecken; waren sie weiter vorne, schlug man den Tschärät hoch ins Feld hinaus, äs Hochs. Geübte Fänger suchten solche Schläge durch Fäzzlun, Hochwerfen der Fangschindel, im Fluge abzufangen. Warteten die schlechten Fänger vorne, so schickten gewandte Schläger den Ball in Kopfhöhe ins Feld hinaus, äs Gschtrichis oder äs Gschlaikts nannte man einen solchen Ball. Je nach dem Schlag den man ausführen wollte, nahm man mehr oder weniger Erde, um das Wurfgeschoss auf den Bock aufzusetzen. (Der Tschärät musste in jedem Fall mit etwas Erde – Land – auf den Bock gesetzt werden, sonst wäre er heruntergefallen.) Verboten war nur, den Tschärät zu weit vorne auf den Bock aufzusetzen. Oft stellten sich zwei Spieler, auf jeder Seite des Bockes einer, zum Schlag bereit, um die Gegner im Ungewissen zu lassen, wer eigentlich schlagen würde.

Spielregeln

Ein älterer, angesehener Mann überwachte von der vordern Grenze des Spielfeldes aus das Spielgeschehen und notierte mit scharfem Messer auf einem dreikantigen Scheit, Schnäts, die Punkte der Schlägerpartei. Für jeden guten Schlag schnitt er eine Kerbe, ä Hick, in das Scheit. (In Blatten war der Schnäts schon vor vielen Jahren durch Papier und Bleistift verdrängt worden.) Jeder Schlag, der links oder rechts vom Spielfeld oder zwischen Bock und Spielraum niederfiel, än Mugga, war ungültig. Drei solche Schläge hintereinander bewirkten das Ausscheiden des Spielers – er war vrdoorbm. (Beim dritten Fehlschlag begannen alle Fänger zu krächzen wie die Raben, um den Schläger zu verhöhnen – mu hed grrappud.) Wurde die Holzkugel mit einer Schindel abgefangen, musste der Schläger ebenfalls abtreten – er war aab. Jeder Tschärät, der im Spielfeld zu Boden fiel, ohne dass er aufgefangen wurde, war gut, äs Giätli, und zählte einen Punkt. Zwei, in Blatten sogar drei Punkte, zählte ein Schlag, der einen Fänger auf den Körper traf, wohl eine Strafe für seine Ungeschicktheit. Äs hed ni vrbrennd, sagte man. Dies war für den Betroffenen eine Schande. War jeder Spieler der Schlägerpartei „abgetan“, wechselten die Rollen. Bei jedem guten Schlag der zweiten Partei schnitt der „Schreiber“ eine Kerbe der ersten Partei weg. Sobald die Parteien punktgleich waren, wurde der nächste Schlag als Gewinnstreich angezeigt. War er gut, so endigte damit das Spiel, da ja das Punktemehr erreicht war. Ranglisten wurden nicht erstellt; doch waren die besten Fänger und Schläger jeweils in der ganzen Pfarrei bekannt. (Berühmte Schläger aus Kippel waren Josef Meier, Josef Murmann – dr Chaschtla-Josab genannt – und Stefan Murmann – dr Chaschtla-Stäffa – ein Bruder des vorigen. Letzterer soll den Tschärät einmal über ein zweistöckiges Haus hinübergeschlagen haben, das ca. 100 m vom Bock entfernt war.)

Mann und Frau

Nach dem Spiel ass man in der Gemeindestube gruppenweise aus runden Holzschüsseln giblaati Niidlu, Schlagrahm. Der Nidel musste von den Verlierern bezahlt werden, das Weissbrot, das man einbrockte, stifteten die Gewinner. Und wenn sich die Töchter noch mit an den Tisch setzten, so dauerte die Geselligkeit oft bis in die späte Nacht hinein.

Während die Burschen und Männer hornussten, trieben auch die Töchter in der Nähe des Tschärätplatzes ihre Kurzweil. Pfändärrun, ts Chindli vrchoifn, ts Hiändli schweichn und Chatzu schträbä waren ihre Lieblingsspiele. Oft gesellten sich die jungen Burschen der Schlägerpartei zu ihnen und spielten mit, solange sie nicht zum Schlagen kamen.

Schindel genannte Abfangschaufel aus dem Nachlass von Kunstmaler Albert Nyfeler, Kippel. Die Schindel trägt noch die Transportetikette „Langenthal-Goppenstein“. Ob sie im Lötschental zum Einsatz kam, ist fraglich; spielte man doch hier in der Regel mit improvisierten Brettern ohne Stiel.

Tschärät in Form einer Holzkugel aus einem Astauswuchs, ca. 4 cm Durchmesser, rund mit Abflachung. Der Holzball diente als Wurfkörper beim Tschärätun.

Hornuss-Spiel 1953 in Betten im Aletschgebiet. Das Spiel wurde in Betten als Gilihüsinu bezeichnet. (Foto Wilhelm Egloff)
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